Buchempfehlung: Vergeude Keine Krise von Anja Förster & Peter Kreuz

„Wir haben nicht alle Antworten. Aber wir können lernen, die richtigen Fragen zu stellen.“

Dieses Zitat zu Beginn des neuen Buches „Vergeude keine Krise!“ von Anja Förster & Peter Kreuz fasst sehr gut die „Haltung“ des Buches zusammen: Förster & Kreuz bieten keine Pauschallösungen an, um aus der Krise gestärkt hervor zu gehen, aber mittels Fragen regen sie an, sich auf diesen Weg zu begeben. Damit wird auch klar, dass Buch sich nicht an Leser:innen wendet, die einfache Lösungen und „To Do Listen“, sondern Anregungen zum Weiterdenken und -machen suchen. Diesen Ansporn zur Selbstreflexion mittels „28 rebellischer Ideen für Führung, Selbstmanagement und die Zukunft der Arbeit“ erfüllt das prägnant, humorvoll und mit Elan geschriebene Buch sehr gut. Wer also bereit ist, die durch die Corona-Krise entstandene Schockstarre zu überwinden, findet in #VergeudeKeineKrise einen anregenden Wegbegleiter.

Die Krise ist vor allem Brennglas und Verstärker für Veränderung, die ohnehin stattfinden muss.

Sich dies bewusst zu machen und darin Mut für Veränderungen zu finden anstatt zu resignieren, dazu rufen Förster & Kreuz eindringlich auf. Sie wollen uns raus dem Verneinen, Verweigern und Nichtstun hin zum Bejahen, Annehmen und Handeln bringen. Ich selbst habe die Krise doppelt erlebt: gesundheitlich wie zu Beginn auch beruflich. Die Unsicherheit: wie geht es wirtschaftlich weiter, wann öffnen die Schulen, Geschäfte, etc. wieder, funktioniert Beratung aus dem Home-Office, virtuelleWorkshops, etc. Aber genau so wie viele andere, habe ich auch die befreiende Kraft der Krise erlebt. Denn sie zwingt einen, Geschäfts-und Lebensmodelle zu hinterfragen, um dann neue, resilientere Lösungen zu finden.

„Selbstreflexion gibt es nicht zum Nulltarif. Sie ist anstrengend, manchmal auch unangenehm. Denn nicht immer gefällt uns die Person, die wir im Spiegel erblicken“.

Im Kern geht es um die innere Haltung: Exogene Schocks können wir nicht verhindern und in einer VUCA-Welt stehen „Krisen“ an der Tagesordnung. Was aber in unserer Macht steht, ist wie wir auf diese Schocks reagieren: Sehen wir nur die Risiken und Untergangsszenarien oder besinnen wir uns auf unserer „Eigen-Macht“ (wie es Förster & Kreuz nennen) und nehmen unser Schicksal in die eigenen Hände. Diese Eigen-Macht im Gegensatz zur „Ohn-Macht“ ermöglicht uns, nicht nur Krisen als Chance für tiefgreifende Veränderungen zu sehen, sondern auch ins Tun zu kommen und damit Veränderungen zu bewirken. Mit gezielten Fragen, Tests und Tipps wie dem Aufbau eines eigenen Challenger-Netzwerkes ("Menschen, die dir sagen, was du nicht hören willst, aber hören musst") zusätzlich zum Supporter-Netzwerks), bieten Förster & Kreuz konkrete Hilfestellungen, einen Growth Mindset zu entwickeln.

Weitere Highlights aus dem Buch, die das gängige Denken in vielen Unternehmen herausfordern:

  • Klares Plädoyer für mehr Diversität als Überlebensstrategie: "Andersdenker erhöhen die Vielfalt an Perspektiven und damit die Qualität des Urteils, gleichzeitig nerven sie aber, weil sie der schnellen Urteilsfindung entgegenstehen" Das ist zwar die Krux der Diversität, aber "Wer Dissens vermeidet, verengt damit auch seinen geistigen Horizont. Und das ist in einer Welt, die geprägt ist von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität, so ziemlich das Dümmste, was wir tun können."
  • Obligation to Dissent als nutzbares Potenzial, um „Denken in neue Bahnen zu lenken und so letztendlich die Entscheidungsqualität erhöhen“ inklusive konkreter Tipps, wie man eine entsprechende Kultur in Unternehmen verankern kann (Disclaimer: in meinen 5 Jahren bei McKinsey & Company, Inc., war die „Obligation to Dissent“ eine wertvolle Lernerfahrung für mich gewesen, vor allem im Vergleich zu scheinbaren Dissenz-Kulturen, bei denen der Streit zwischen Abteilungen und nicht die gemeinsame Suche nach der besten Lösung im Vordergrund stehen).
  • Trial & Error gepaart mit einer Lernkultur als Ausgangspunkt der Strategiearbeit: „Weg von einem linearen, vorausplanenden Vorgehen zu einem iterativen experimentierfreudigen Vorgehen“. Da ich meine Promotion über die Bedeutung von Perspektivenvielfalt und Trial & Error Prozesse für Innovationserfolge geschrieben habe, wünsche auch ich mir gerade in deutschen Unternehmen mehr Bereitschaft für aufrichtiges Experimentieren und Toleranz für Fehlschläge. Denn „fehlgeschlagene Experimente sind sogar die Bausteine des Erfolgs“ wie Förster & Kreuz treffend zusammenfassen und wie es in vielen amerikanischen Tech-Unternehmen auch gelebt wird.

Persönlich habe ich viele Anregungen aus der Lektüre mitgenommen z.B. ausreichend „Zeit für die Birne“, wie Förster & Kreuz in den Tagesablauf fix eingeplante „tiefe Denkzeit“ nennen, einzuplanen.

Was ich mir noch gewünscht hätte?

Das Buch ist ein unterhaltsamer und eindringlicher Parforceritt durch viele wichtige Aspekte des Selbstmanagements, Unternehmenskulturen, Führungsverständnis und New Work Elementen. Hier und da eine Atempause, also etwas tiefer gehen und mehr Struktur, wie die einzelnen Bestandteile zusammenhängen, hätten mir mehr Klarheit gegeben. Förster & Kreuz wollen sehr viel auf einmal bewegen. Dies ist wichtig und richtig. Aber vor allem Adressaten, die noch nicht mit all den Konzepten und rebellischen Ideen vertraut sind und sich gerade erst auf die Reise zu einer anderen inneren Haltung begeben, könnten sich überfordert fühlen angesichts der Fülle an Veränderungshebeln und Ansatzpunkten.

Denn was sehr schade wäre, wenn dieses sehr lesenswerte und inspirierende Buch nur in unserer Bubble aus Veränderungswilligen auf positive Resonanz stieße. Schließlich sind es nicht wir Coaches, Berater und „rebellischen“ Führungskräfte, die reale, dauerhafte Veränderungen in deutschen Konzernen bewirken, sondern Führungskräfte, die traditionelle Führungs- und Managementidealen basierend auf vergangenen Erfolgen (noch) vorziehen. Verwundert hat mich der wiederholte Verweis auf „Bremser, Denkbürokraten, Komfortzonenbewohner, Vorrechte-Verteidiger, Schmalspurdenker und Bedenkenträger“. Auch wenn man nicht alle ins Boot holen kann, passt für mich dieses „Abstempeln“ nicht zum im Buch postulierten Anspruch „Wider dem Gruppendenken“. Klar sind „Denkbürokraten“ keine hippe Rebellengruppe, aber gegenseitiges Verständnis sollte keine Einbahnstraße sein. Mich hat diese wiederholte Zuspitzung irritiert, da an vielen Stellen Förster & Kreuz darauf eingehen, dass Menschen sich auf unterschiedlichen Stufen der Selbstentwicklung befinden und warum viele Menschen im Zweifel die Konformität anstatt des Widerstand wählen.

Nichtsdestotrotz ist der Elan von Förster & Kreuz beeindruckend: man nimmt ihnen in jeder Zeile ab, dass sie an das glauben, was sie schreiben und uns von der Dringlichkeit der Veränderung überzeugen wollen. Ich wünsche diesem Buch nicht nur viele Leser:innen, sondern vor allem, dass es viele Menschen ins Tun, raus aus der Schockstarre bringt, gerade angesichts einer möglichen zweiten COVID-19-Welle. "Vergeude keine Krise" ist damit für mich ein sehr passendes Buch zu Corona-Zeit: mehr denn je, müssen wir lernen die Chancen zu sehen und die Krise für nachhaltige Veränderungen zu nutzen.

Write a comment

Comments: 0