Agil und lean – Zwei Seiten einer Medaille?

Als Expertin für Agile und Lean Transformationen werde ich immer wieder gefragt, wie Agile und Lean Management zusammenhängen: Widersprechen sich Kontinuierliche Verbesserung und agiles Projektmanagement? Stehen sich Agil und Lean sogar im Weg?

 

In den Fragen schwingt oftmals die Sorge mit, jahrelang kontinuierliche Verbesserung im Unternehmen aufgebaut zu haben und nun dies dem agilen Projektmanagement opfern zu müssen. Eines vorneweg – Lean und Agile Management widersprechen sich keinesfalls. Im Gegenteil, das agile Management fußt auf Lean Management Prinzipien. Beide streben danach, Verschwendung zu eliminieren, und stellen Kundenbedürfnisse in den Vordergrund.

 

Jeff Sutherland, Mitbegründer der Scrum Methode, stellt in seinem Buch „Scrum – The Art of doing twice the work in half the time” die Ursprünge des agilen Projektmanagement dar: diese liegen auch im klassischen Lean Management des Toyota Production Systems. Hier einige Beispiele, um zu verdeutlichen, wie sich Lean Prinzipien im Scrum widerspiegeln:

  1. Vermeidung von Verschwendung: Eine der wichtigsten Aufgaben des Scrum Masters liegt im Beseitigen von Hindernissen und Verschwendung.
  2. Kontinuierliche Verbesserung: Jede Retrospektive hat unter anderem zum Ziel ein Verbesserungspotenzial ("What one thing would make you happier in the next Sprint?") für den nächsten Sprint zu identifizieren.
  3. PDCA: Scrum ist nach Plan, Do, Check, Act aufgebaut - Plan mit Hilfe von Backlog und Quantifizieren der einzelnen Features / Stories, Do im Rahmen des Sprints, Check im Rahmen der Retrospektive und Act im Rahmen der kontinuierlichen Verbesserung im nächsten Sprint.
  4. Kundenorientierung: Der Product Manager richtet das Product Backlog und die Priorisierung der Aufgaben auf die Kundenbedürfnisse aus: in welchen Features sehen Kunden einen Mehrwert und sind dafür bereit zu zahlen?
  5. Mitarbeiter Empowerment: Bei Scrum wie im Lean Management werden Verbesserungen nicht top down von oben eingeführt, sondern Teammitglieder befähigt, selbst Verbesserungspotenziale zu identifizieren und umzusetzen.

 

Neben diesen Beispielen gibt es noch viele weitere Analogien zwischen Agil und Lean Management. Agil baut offensichtlich auf Lean Prinzipien auf. Es gibt jedoch sehr wohl Unterschiede in der Anwendung beider Managementmethoden – Lean und Agil stellen daher zwei Seiten einer Medaille dar.

 

Agil unterstützt vor allem die Entwicklung von Produkten (vor allem Innovationen), da es ermöglicht in kurzen Zyklen Entwicklungen abgestimmt auf das Kundenbedürfnis voranzutreiben. Gerade in einer von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität (sog. VUCA) gekennzeichneten Unternehmensumwelt ist dieses Vorgehen sehr hilfreich. Lean wiederum setzt auf das unermüdliche, tägliche Verbessern bestehender Produkte und Prozesse. Der Fokus ist stärker nach Innen und auf Bestehendes gerichtet. Es schließt aber agiles Vorgehen nicht aus, da dies wiederum wichtige Lean Prinzipien beherzigt. Lean Management ist in produzierenden Unternehmen vor allem in der Produktion mit ihren wiederholenden standardisierten Abläufen verwurzelt. Agil wiederum trat seinen Siegeszug aus der IT in weitere vor allem administrative Bereiche wie Produktentwicklung oder Strategie an.

 

Für Unternehmen bedeutet dies, dass eine fest verankerte kontinuierliche Verbesserungskultur eine sehr gute Voraussetzung für die Einführung und Verbreitung von Agilen Projektmanagement ist. Falls Lean Management gerade in den administrativen Funktionen noch nicht täglich gelebt wird, bietet Scrum die Chance, Lean Prinzipien Teams nahe zu bringen und das Interesse für kontinuierliche Verbesserung auch außerhalb der Projektarbeit zu wecken. Die Unterschiede zwischen Lean und Agil kommen vor allem im Rahmen einer unternehmensweiten agile Transformation zur Geltung. Denn hier verlangt die agile Transformation Unternehmen weit mehr ab - neue Organisationsformen, verändertes Führungsbild und Performance-Management etc. Dazu dann mehr in einem anderen Artikel :-)

 

Zusammengefasst: Um kontinuierlich in der Linienorganisation und bei Standardprozessen Verbesserungen zu forcieren und Verschwendung zu eliminieren, eignet sich weiterhin Lean Management. Um Produktentwicklungen und andere Projekte (z.B. Strategische Initiativen, Task Forces) schnell und mit starken Kundenfokus in einer unsicheren und volatilen Welt voranzutreiben, bieten agile Methoden einen Wettbewerbsvorteil. Lean und agil stehen sich also nicht im Weg. Im Gegenteil sie zeigen in die gleiche Richtung.

 

Quelle: Sutherland, Jeff: The art of doing twice the work in half the time, Random House Business Books

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